Chatbots und KI: 5 Fragen an Marie Kilg

Marie Kilg ist Journalistin, Bot-Programmiererin und derzeit Innovation Managerin bei der Deutschen Welle. Zuvor arbeitete sie bei Amazon an der deutschen Persönlichkeit von Alexa mit. Bots und Künstliche Intelligenz sind für sie also längst keine Zukunftsthemen mehr. Im Interview beantwortet sie uns fünf Fragen dazu und spricht über ihre eigene KI-Kolumne.

2023-03-27 — Sandra Jütte

Liebe Marie, wie bist du dazu gekommen, dich mit Bots und Künstlicher Intelligenz (KI) zu beschäftigen?

Ich habe mich schon immer für Lösungen interessiert, die das Leben einfacher machen. Vielleicht, weil ich Science Fiction mag und mich Bots und Technik fasziniert haben. Vielleicht auch ein bisschen, weil ich faul bin und die Vorstellung mochte, das Maschinen mir Arbeit abnehmen. Als ich angefangen habe, programmieren zu lernen, waren meine ersten Projekte Chatbots und Twitterbots. Da ist die Einstiegshürde niedrig und als Kommunikationswissenschaftlerin haben mich die echten „Unterhaltungen“ mit Maschinen interessiert. Von da war der Weg zu komplexeren Technologien wie Machine Learning und Sprachassistenzen wie Alexa nicht mehr weit.

Bei welchen Jobs bzw. Aufgaben können Bots und KI den Journalismus deiner Meinung nach bereichern?

Bei allen. Es gibt keinen Bereich der Gesellschaft mehr, der nicht irgendwie irgendwo von Technologie beeinflusst wird. Kunst, Kultur, Wirtschaft, Politik – Technikverständnis hilft überall, weil es überall Menschen geben wird, die z.B. KI-Systeme einkaufen. Dann braucht es Journalist:innen, die das kritisch einordnen. Wer sich mit Bots und KI auseinandersetzt, kann fundiert in die Recherche starten und das richtige Maß finden zwischen übertriebenem Tech-Optimismus und übertriebener Sorge. Und wenn ich genau dafür mehr Zeit habe, weil mir eine KI beim Konvertieren meines Beitrags in einen Online-Artikel geholfen hat, umso besser.

Was wird eine KI nie ersetzen können bzw. wo siehst du auch die Gefahren dieser Technologien?

Die Gefahren sind genau die Antwort auf den ersten Teil der Frage, denn keine Technologie kann sich selbst kritisieren (genau wie auch keine Institution das kann). Gerade weil es um KI so einen Hype gibt, müssen wir genau hinsehen, wie sie angewendet wird, insbesondere von mächtigen Institutionen wie Regierungen oder der Polizei. Aber auch von anderen Akteuren in den Medien und in der Wirtschaft. Die Probleme der Technologie sind vielfältig: Biases, böswillige oder naive Anwendung, Monopolisierung, schlechter Datenschutz. Genau deshalb finde ich, dass wir die Gestaltung der KI-Systeme nicht nur wenigen Firmen überlassen sollten. Vielleicht können wir dieses Mal besser machen, was uns beim Internet nur teilweise gelungen ist. Nämlich die Entwicklung selbst aktiv mitgestalten, anstatt in einer Abhängigkeit von wenigen monopolistischen Akteuren zu landen.

Und natürlich werden Menschen auch unabhängig von der Aufgabe als Watchdogs im Journalismus relevant bleiben. Solange Journalismus noch “für” Menschen gemacht wird, brauche ich auch Menschen, um die Ideen zu haben und die Entscheidungen zu treffen. Welche Themen sind für meine Leserschaft relevant? Welche Fragen stelle ich mir als Mensch? Technologie kann als Werkzeug bei der Umsetzung helfen, aber am Ende wird es immer darum gehen, als Mensch zu verstehen, was andere Menschen bewegt.

Ist das auch das, was du anderen Journalist:innen rätst – vor allem denjenigen, die Angst davor haben, ersetzt zu werden?

Die Angst kommt von der Ehrfurcht: Das Gefühl, dass sich da etwas sehr Komplexes unglaublich schnell bewegt, ist ja richtig. Ein bisschen Bammel davor, ersetzt zu werden, ist vielleicht gar nicht schlecht. Denn das kann mich motivieren, mich nicht zu sehr auf dem auszuruhen, was ich früher mal konnte. Ich darf nur nicht in die Schockstarre fallen und glauben, ich könnte gar nicht mehr hinterherkommen. Die meisten Journalist:innen haben den Beruf gewählt, weil sie neugierig sind. Sich immer wieder in neue Themen einzuarbeiten, ist unsere Spezialität. Das ist jetzt wertvoller denn je. Das Zeitalter der KI ist das Zeitalter der Generalisten.

Das beste Mittel gegen die Angst ist, sich handlungsfähig zu fühlen. Also sage ich: nutzt das, fangt einfach irgendwo an, zu lernen.

Du hast für die taz die erste KI-Kolumne in Deutschland mitentwickelt. Was kann Anic T. Wae, und was waren eure größten Learnings dabei?

Anic ist eine fiktive Person, die Texte schreibt. Anic beschreibt die Welt aus der eigenen Perspektive der KI. Wie fühlt es sich an, ein:e Kolumnist:in zu sein, die für Menschen schreibt, obwohl sie keiner ist? Wir wollten zeigen, was Maschinen schon können – die Kolumne erschien ja bereits, bevor das Thema mit ChatGPT so präsent wurde. Aber auch Anic basiert auf dem Modell GPT-3.

Eines der spannendsten Learnings fand ich, dass die Kolumnen nicht besser wurden, als die Technik besser wurde – eher im Gegenteil. Als wir die neueren Modelle ausprobierten, wurden die Texte immer langweiliger, und wir haben freiwillig die Kolumnen mit “veralteten” Modellen erzeugt. Die Firmen hinter den Modellen fokussieren sich gerade auf Kohärenz und das Vermeiden von polarisierenden oder gefährlichen Aussagen, aber nicht unbedingt auf stilistische Finesse oder Originalität. Wirklich kreative und gute Texte mit KI zu schreiben, ist immer noch schwer. Ein Teammitglied hat einmal gesagt: “Ich sitze den ganzen Tag da und generiere, und Anic schreibt nur Mist! Ich bin echt an dem Punkt, wo ich das Gefühl habe, es wär schneller gegangen, wenn ich die Kolumne einfach selber geschrieben hätte.”